Altersvorsorge für Selbständige: Die richtige Strategie
Wie Selbständige in der Schweiz ihre Vorsorgelücke schliessen: AHV, Säule 3a, freiwilliges BVG und freies Sparen in der richtigen Reihenfolge.
Altersvorsorge für Selbständige: Das Wichtigste in Kürze
Als Selbständige/r in der Schweiz bist du nur in der AHV obligatorisch versichert. Die 2. Säule (BVG) ist für dich freiwillig – und genau dadurch entsteht die typische Vorsorgelücke von Selbständigen: Ohne eigenes Zutun baust du nur die staatliche Grundsicherung auf, die den gewohnten Lebensstandard im Alter nicht trägt.
Deine Vorsorgestrategie besteht deshalb aus vier Bausteinen, die du selbst kombinieren musst:
- AHV – obligatorisch, sichert das Existenzminimum
- Säule 3a – freiwillig, für die meisten der wichtigste Hebel
- Freiwilliges BVG – optional, für stabile höhere Einkommen
- Freies Sparen und Investieren (Säule 3b) – flexibel, ohne Steuerprivileg beim Einzahlen
Die richtige Reihenfolge hängt von deinem Einkommensniveau und deiner Stabilität ab – nicht von Produktwerbung. Dieser Guide zeigt dir die Prioritäten mit drei konkreten Szenarien.
Merksatz: Vorsorge kommt nach Liquidität und Risikoschutz. Wer alles in gebundene Vorsorge steckt, bevor Steuern, AHV-Rücklagen und Erwerbsausfall abgesichert sind, macht den zweiten Schritt vor dem ersten.
Kurzantwort: Welcher Baustein wann?
| Baustein | Pflicht? | Steuerabzug beim Einzahlen | Flexibilität | Typische Priorität |
|---|---|---|---|---|
| AHV | ja | Beiträge sind Geschäftsaufwand | keine Wahl | läuft automatisch |
| Liquiditätsreserve | nein | nein | maximal | vor aller Vorsorge |
| Säule 3a | nein | ja, stark | gebunden, aber einfach | erster freiwilliger Baustein |
| Freiwilliges BVG | nein | ja, planabhängig | stark gebunden | bei stabilen, höheren Einkommen |
| Freies Sparen (3b) | nein | nein | maximal | Ergänzung, sobald 3a ausgeschöpft |
Warum haben Selbständige eine Vorsorgelücke?
Angestellte sparen automatisch dreifach: AHV-Abzug vom Lohn, Pensionskassenbeiträge (je hälftig mit dem Arbeitgeber) und oft zusätzlich 3a. Bei dir fällt der mittlere – und meist grösste – Baustein weg.
Konkret bedeutet das:
- Die AHV-Rente allein deckt nur die Existenzsicherung, nicht deinen Lebensstandard
- Es gibt keinen Arbeitgeber, der die Hälfte deiner Vorsorge mitfinanziert
- Ohne aktive Entscheidung passiert gar nichts – die Lücke wächst mit jedem Jahr
Dazu kommt ein zweiter Effekt: Wer beim Start in die Selbständigkeit sein Pensionskassenguthaben bar bezogen hat, um das Geschäft zu finanzieren, startet mit einem zusätzlichen Loch in der Altersvorsorge. Details dazu im Guide BVG für Selbständige in der Schweiz.
Baustein 1: AHV – das Fundament, aber nicht mehr
Als selbständige Person zahlst du auf deinem Erwerbseinkommen 10,0 % AHV/IV/EO (Stand 2026), bei tieferen Einkommen gilt eine sinkende Beitragsskala. Diese Beiträge sind Pflicht und laufen über deine Ausgleichskasse.
Für die Strategie wichtig:
- lückenlose Beitragsjahre zählen – Beitragslücken reduzieren später deine Rente
- die AHV-Rente ist nach oben plafoniert; mehr verdienen heisst nicht proportional mehr Rente
- AHV-Beiträge sind als Geschäftsaufwand abziehbar
Die Details zu Sätzen, Skala und Anmeldung findest du im Guide AHV und Sozialversicherungen für Selbständige.
Baustein 2: Säule 3a – der wichtigste freiwillige Hebel
Für Selbständige ohne Pensionskasse gilt per Stand 2026:
- Einzahlung bis 20 % des AHV-pflichtigen Erwerbseinkommens
- maximal CHF 36'288 pro Jahr
- mit Pensionskasse: maximal CHF 7'258 pro Jahr
Die 3a kombiniert drei Effekte: Steuerabzug heute, gebundener Vermögensaufbau und erzwungene Disziplin. Seit dem Steuerjahr 2026 sind zudem nachträgliche Einkäufe rückwirkend für 2025 möglich – wertvoll für Jahre, in denen du den Maximalbetrag nicht ausschöpfen konntest.
Ab einem AHV-pflichtigen Einkommen von CHF 181'440 erreichst du mit 20 % den Maximalbetrag – ab dort ist die 3a gedeckelt und weitere Bausteine werden relevant. Alle Details im Guide Säule 3a für Selbständige in der Schweiz.
Baustein 3: Freiwilliges BVG – wann es sich lohnt
Du kannst dich freiwillig der 2. Säule anschliessen, typischerweise über die Vorsorgeeinrichtung deines Berufsverbands oder die Stiftung Auffangeinrichtung BVG.
Das BVG bringt gegenüber der 3a zwei Dinge:
- mehr Vorsorgevolumen, insbesondere über Einkäufe bei hohen Einkommen
- Risikoleistungen bei Invalidität und Todesfall
Dafür ist es stärker gebunden, administrativ aufwendiger und weniger fehlertolerant bei Einkommensschwankungen. Es ist der richtige Baustein, wenn dein Geschäft stabil, profitabel und langfristig planbar ist – nicht vorher.
Baustein 4: Freies Sparen und Investieren
Alles, was über 3a und BVG hinausgeht, läuft über die freie Vorsorge: Sparkonto, ETF-Depot, Wertschriften, allenfalls Immobilien.
- kein Steuerabzug beim Einzahlen, dafür jederzeit verfügbar
- wichtig bei schwankendem Einkommen als Puffer
- ab ausgeschöpfter 3a der natürliche nächste Schritt
Denke daran: Liquidität auf Konten und Depots zählt zum steuerbaren Vermögen – auch das gehört in die Gesamtplanung, siehe Steuern optimieren als Selbständige/r.
Die richtige Reihenfolge: 3 Szenarien nach Einkommensniveau
Szenario 1: Gewinn rund CHF 50'000 – Aufbauphase
Eine Webdesignerin im zweiten Geschäftsjahr, Gewinn CHF 50'000, wenig Reserven.
| Priorität | Massnahme | Grössenordnung pro Jahr |
|---|---|---|
| 1 | Liquiditätsreserve für Steuern, AHV und 2–3 Monate Fixkosten aufbauen | zuerst |
| 2 | Erwerbsausfall prüfen: Krankentaggeld und Unfalldeckung | Prämien budgetieren |
| 3 | Säule 3a teilweise: z. B. CHF 3'000–6'000 statt der maximal möglichen CHF 10'000 (20 %) | flexibel |
| 4 | BVG | noch kein Thema |
Logik: In dieser Phase ist Flexibilität wichtiger als Steueroptimierung. Eine halbgefüllte 3a ist kein Fehler – eine leere Notreserve schon.
Szenario 2: Gewinn rund CHF 100'000 – Stabilisierungsphase
Ein IT-Berater im fünften Jahr, Gewinn stabil um CHF 100'000, Reserve für 6 Monate vorhanden.
| Priorität | Massnahme | Grössenordnung pro Jahr |
|---|---|---|
| 1 | Reserven halten, Akonto-Steuern und AHV sauber budgetieren | laufend |
| 2 | Säule 3a voll ausschöpfen: 20 % = CHF 20'000 | CHF 20'000 |
| 3 | Risikoabsicherung prüfen: Taggeld, Erwerbsunfähigkeit, bei Familie Todesfallschutz | nach Bedarf |
| 4 | Freies Sparen für mittelfristige Ziele | Rest nach Budget |
| 5 | Freiwilliges BVG vergleichen, aber nur bei echtem Zusatznutzen abschliessen | prüfen |
Logik: Hier wird die 3a zum Pflichtprogramm – CHF 20'000 Abzug pro Jahr ist bei diesem Einkommen ein erheblicher Steuerhebel, und der Vorsorgeaufbau läuft planbar.
Szenario 3: Gewinn rund CHF 200'000 – Ausbauphase
Eine Unternehmensberaterin, Gewinn CHF 200'000, hohe Sparquote.
| Priorität | Massnahme | Grössenordnung pro Jahr |
|---|---|---|
| 1 | Säule 3a am Maximum: CHF 36'288 (Deckel erreicht ab CHF 181'440 Einkommen) | CHF 36'288 |
| 2 | Freiwilliges BVG ernsthaft prüfen: mehr Abzugsvolumen plus Einkaufspotenzial | planabhängig |
| 3 | Freies Investieren des Rests, breit diversifiziert | nach Strategie |
| 4 | Rechtsform prüfen: Bei dauerhaft hohem Gewinn kann eine GmbH mit Pensionskassenlösung interessant werden | strategisch |
Logik: Ab hier ist die 3a ausgereizt und das BVG wird vom Nice-to-have zum ernsthaften Hebel – steuerlich wie vorsorgeseitig.
3a oder BVG? Die Entscheidungslogik
| Frage | Spricht für 3a | Spricht für BVG |
|---|---|---|
| Wie stabil ist dein Einkommen? | schwankend | seit Jahren planbar |
| Wie viel willst du jährlich binden? | bis CHF 36'288 reicht | du willst deutlich mehr einzahlen |
| Brauchst du Risikoleistungen (IV/Tod)? | separat lösbar | integriert gewünscht |
| Wie viel Administration erträgst du? | möglichst wenig | strukturierter Rahmen ist okay |
| Hängen andere finanziell von dir ab? | weniger kritisch | Familie, Hypothek, Verpflichtungen |
Für die meisten Solo-Selbständigen ist die Antwort keine Entweder-oder-Frage, sondern eine Reihenfolge: zuerst 3a konsequent, später – bei stabilem höherem Einkommen – zusätzlich BVG.
Einkäufe und Steuern: Der Timing-Hebel
Vorsorge und Steuerplanung greifen ineinander:
- 3a-Einzahlungen und BVG-Einkäufe senken dein steuerbares Einkommen im Einzahlungsjahr
- Einkäufe wirken am stärksten in Jahren mit hohem Gewinn, weil sie die Progression am oberen Ende brechen
- gestaffelte Einkäufe über mehrere Jahre sind steuerlich meist wirksamer als ein einzelner Grosseinkauf
- beim Bezug werden 3a- und BVG-Kapital separat vom übrigen Einkommen zu einem reduzierten Satz besteuert; gestaffelte Bezüge über mehrere Jahre können die Belastung zusätzlich senken
Verifiziere geplante grössere Einkäufe immer mit deiner Vorsorgeeinrichtung und rechne die Steuerwirkung mit dem offiziellen Rechner der ESTV durch.
Was tun bei stark schwankendem Einkommen?
Schwankende Gewinne sind der Normalfall bei Selbständigen – die Vorsorgestrategie muss das aushalten:
- 3a flexibel bespielen: Es gibt keine Einzahlungspflicht. In guten Jahren maximal, in schlechten reduziert oder gar nicht
- Einzahlung ans Jahresende legen: Erst wenn dein Gewinn absehbar ist (November/Dezember), entscheidest du die Höhe
- Nachträgliche 3a-Einkäufe nutzen: Seit Steuerjahr 2026 kannst du verpasste Beiträge (ab 2025) später nachholen
- Vorsicht mit fixen BVG-Verpflichtungen: Ein Vorsorgeplan mit hohen fixen Beiträgen passt schlecht zu volatilen Einkommen
- Puffer vor Vorsorge: Freie Reserven fangen schlechte Jahre ab, gebundene Vorsorge nicht
Die häufigsten Fehler
1. Gar nichts tun
Der teuerste Fehler. Ohne 2. Säule wächst deine Lücke jedes Jahr – und verlorene Jahre lassen sich nur begrenzt nachholen.
2. Vorsorge vor Liquidität und Risikoschutz
Wer die 3a füllt, aber bei drei Monaten Krankheit zahlungsunfähig ist, hat die Reihenfolge verwechselt.
3. Das PK-Guthaben beim Start beziehen und nie kompensieren
Der Barbezug beim Wechsel in die Selbständigkeit ist erlaubt – aber die entstandene Lücke muss aktiv wieder aufgebaut werden.
4. Nur auf den Steuereffekt schauen
Steuerabzüge sind ein Bonus, nicht das Ziel. Entscheidend ist, ob das Kapital im Alter reicht und die Risiken abgedeckt sind.
5. Die AHV-Beitragspflicht schleifen lassen
Beitragslücken kürzen deine Rente dauerhaft. Gerade bei unregelmässigen Einkommen lohnt sich der jährliche Blick auf das AHV-Konto.
6. Die Strategie nie überprüfen
Was mit CHF 50'000 Gewinn richtig war, ist mit CHF 150'000 falsch. Prüfe deine Prioritäten mindestens alle zwei bis drei Jahre.
Checkliste: Deine Vorsorgestrategie
- Ich kenne meine drei Säulen und weiss, dass die 2. Säule bei mir freiwillig ist.
- Ich habe eine Liquiditätsreserve für Steuern, AHV und mehrere Monate Fixkosten.
- Ich habe Erwerbsausfall bei Krankheit und Unfall geregelt oder bewusst verworfen.
- Ich zahle in die Säule 3a ein und kenne meinen Maximalbetrag (Stand 2026: 20 %, max. CHF 36'288 ohne PK).
- Ich lege die 3a-Einzahlung nach dem effektiven Jahresgewinn fest.
- Ich habe geprüft, ob ein freiwilliger BVG-Anschluss zu meinem Einkommensniveau passt.
- Ich weiss, ob ich beim Start PK-Guthaben bezogen habe, und plane die Kompensation.
- Ich überprüfe meine Strategie regelmässig, spätestens bei grösseren Einkommenssprüngen.
FAQ
Reicht die AHV als Altersvorsorge für Selbständige?
Nein. Die AHV sichert das Existenzminimum, nicht deinen Lebensstandard. Ohne 3a, BVG oder freies Sparen entsteht eine erhebliche Lücke.
Was ist für Selbständige wichtiger: Säule 3a oder BVG?
Für die meisten zuerst die Säule 3a: einfacher, flexibler und mit bis zu CHF 36'288 Abzug pro Jahr (Stand 2026, ohne Pensionskasse) sehr wirksam. BVG wird bei stabilen, höheren Einkommen zum sinnvollen zweiten Baustein.
Wie viel sollte ich pro Jahr für die Vorsorge zurücklegen?
Es gibt keine Einheitszahl. Als Orientierung: Angestellte sparen über PK und 3a oft spürbar über 10 % des Einkommens – als Selbständige/r solltest du mindestens in diese Grössenordnung kommen, sobald deine Reserven stehen.
Was mache ich in einem schlechten Geschäftsjahr?
Vorsorgebeiträge reduzieren oder aussetzen – die 3a kennt keine Pflicht. Seit Steuerjahr 2026 kannst du verpasste 3a-Beiträge (ab 2025) unter Voraussetzungen nachträglich einkaufen.
Kann ich mit einer GmbH besser vorsorgen?
Mit einer GmbH und eigenem Lohn bist du BVG-seitig wie eine angestellte Person eingebunden, was strukturierten Vorsorgeaufbau erleichtert. Das allein rechtfertigt aber keinen Rechtsformwechsel – rechne die Gesamtsituation durch.
Quellen
- BSV - Altersvorsorge
- BSV - Die dritte Säule
- BSV - Was ist bei Selbstständigkeit zu beachten?
- BSV - Nachträgliche Einkäufe in die Säule 3a
- BSV FAQ - Wie bin ich als selbstständigerwerbende Person in der beruflichen Vorsorge versichert?
- AHV/IV - Beiträge
- KMU-Portal - Versicherungen nach Rechtsform
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